• Sabrina & Tom

#72 Schlimm, schlimmer, Dumbea

Lucie und Raphael hatten uns vor der Tür unserer neuen Workaway-Station abgesetzt – doch irgendwie schien uns keiner zu erwarten. Die Tür zum Haus stand offen und wir hörten von irgendwo her Musik spielen und es dauerte ein Weilchen, bis auf unsere Rufe reagiert wurde. Sylvain begrüßte uns, ein Freund der Familie, der über unsere Ankunft verwundert war. Es wurde wohl nicht kommuniziert, dass zwei neue Workawayer eintreffen und die Familie war ausgeflogen. Wir setzten uns also erstmal gemeinsam auf den Balkon und unterhielten uns mit Sylvain, der uns auf Anhieb sehr sympathisch war. Einen Kaffee und einige Gespräche später, kamen die beiden Töchter Ella und Diane mit Lora vom Joggen zurück, die ebenfalls als Workawayer bei der Familie untergebracht war. Ella, mit 17 die jüngste der Töchter, spricht sehr gutes English und erklärte uns im Schnelldurchgang den Ablauf und wo wir schlafen sollten. Etwas später kam dann auch Laurent, der Vater der beiden Mädels hinzu, mit dem wir in Kontakt standen. Unser erster Eindruck war sehr gut. Beim gemeinsamen Abendessen wurde viel erzählt und Reiseerfahrungen ausgetauscht und wir fühlten uns wohl und fielen glücklich ins Bett.

Der erste Tag startete für Sabrina mit dem Pflanzen von kleinen Hanf-Sprößlingen in Töpfe. Bevor jetzt alle große Augen machen: nein, die Pflanzen sollten später nicht geraucht werden, sondern als Medizin herhalten. Die Familie lebt sehr bewusst, so gut es geht ohne Müll zu produzieren und ernährt sich größtenteils vegan. Während Sabrina also Samen um Samen in ein bisschen Baumwolle aus dem eigenen Garten wickelte und in ein paar Zentimetern Erde vergrub, war Tom mit Sylvain damit beschäftigt eine Schalung für eine Betonmauer zu bauen und Kies zu besorgen. Nach der Mittagspause kam dann auch Lora hinzu und für die beiden Mädels hieß es Handschuhe anziehen und ab in den zweiten Stock des Hauses, denn hier war buchstäblich der Wurm drin. Ausgerüstet mit zwei Spritzen verbrachten sie die kommenden Stunden damit, eine Lösung in die Spritzen zu ziehen und damit jedes der unzähligen Löcher im Holzfußboden zu befüllen. Während

Sabrina so auf Knien über den Fußboden robbte, kam der Gedanke auf, dass die Chemikalien auch irgendwie gesundheitsschädlich sein könnten, leider reichte aber das Französische Vokabular nicht, um es der Verpackung zu entlocken.

So ging der erste Tag mit deutlich mehr als den angegeben 5 Stunden vorbei, aber wir wollten uns die Sache erstmal anschauen und sollten schließlich am Wochenende frei haben. Nach einer ordentlichen Portion Porridge wurde in den zweiten Tag gestartet, die Sonne brannte bereits vom Himmel und vor uns klaffte eine große Baustelle. Laurent erzählte uns, dass er einen Ort braucht, um Workshops zu machen und zu Handwerken. Genauer betrachtet, war das Gebäude, das dort entstand aber nicht sehr einladend, denn es fehlten jegliche Fenster. Laurent erzählte uns auch, dass er zu den Menschen gehört, die davon ausgehen, dass innerhalb der kommenden paar Jahre unsere Ressourcen versiegen und er sich auf das Ende der Welt, wie wir sie aktuell kennen, einstellt. Als wir das Gebäude mit diesem Wissen erneut betrachteten, war uns dann auch ziemlich schnell klar, was wir da in den kommenden Tagen wirklich mitbauten: einen Bunker. Wir konnten zwar den Gedankengang durchaus nachvollziehen und uns ist auch bewusst, dass wir es uns nicht mehr erlauben können, so zu leben als ob Wasser und Rohstoffe endlos wären – dennoch war diese Baustelle schon etwas verrückt anzuschauen. Ebenfalls ein bisschen verrückt war die Organisation der Arbeit, denn die war nicht so wirklich vorhanden. Man schleppte schweres Holz umständlich von A nach B, nur um es von dort aus wieder nach A zu tragen. Oder man sollte die Baustelle aufräumen, ohne zu wissen, wohin Dinge gehören. Wir fragten uns so gut es ging durch und ignorierten, dass uns die Sonne auf den Kopf knallte, wir völlig nass geschwitzt waren und es einfach kein System gab. Auch die Tatsache, dass es erneut eher 7-8 Stunden Arbeit, statt der 5 waren, schluckten wir einfach, denn es wurde angekündigt, dass der darauffolgende Tag dafür kürzer sein sollte und wir Nachmittags gemeinsam an einen Fluss zum Baden fahren würden. Pustekuchen.

Es ging einfach genauso weiter und dazu kam, dass wir gefragt wurden, ob wir am Wochenende ebenfalls arbeiten könnten. Laurent musste wohl einen Presslufthammer ausleihen, um den Boden zu begradigen und die Mietpreise seien übers Wochenende deutlich günstiger, er müsse das aber nochmal abklären, so hieß es. Wir stimmten zu, am Samstag zu arbeiten, wenn wir dafür unter der Woche einen Tag frei bekämen, denn wir reisten am Montag bereits ab und hatten wirklich keine Lust, die gesamte Zeit durch zu arbeiten. Dann hörten wir nichts mehr dazu, bis Laurent uns am Donnerstagabend aus heiterem Himmel fragte, was denn nun unsere Pläne für den morgigen freien Tag seien. Dass das mit dem Ausleihen des Presslufthammers funktioniert hatte, war uns neu. Aber nun gut, dann sollten wir am Freitag eben frei haben. Auch gut, denn wir konnten einen Tag gebrauchen, um uns um unsere weitere Reise nach Neukaledonien zu kümmern. Was uns leider auch verschwiegen wurde war, dass der folgende Tag ein Feiertag in Neukaledonien war und alle Läden geschlossen hatten. Als wir also am Morgen aufstanden, saß Laurent mit den anderen Workawayern am Frühstückstisch. Für uns war nichts vorgesehen, denn an Tagen, an denen man nicht arbeitet, ist man selbst für die Verpflegung verantwortlich. Blöd nur, dass man keine Möglichkeit hatte, sich darauf vorzubereiten und sich das Essen vorm Feiertag zu besorgen. Egal, wir verzogen uns einfach wieder ins Zimmer, denn Laurent, der sonst beim Reden kein Ende fand, beachtete uns eigentlich überhaupt nicht und ließ uns deutlich spüren, dass man unerwünscht ist, wenn man nicht mithilft.

Wir schmiedeten den Vormittag über Reisepläne und wurden irgendwann von Lucie und Raphael unterbrochen, die uns auf whatsapp schrieben, dass sie Freunde von ihnen aus Paris wiederum Freunde in Noumea haben und diese ihnen angeboten haben dort zu übernachten, um mehr Zeit zu haben die Insel zu erkunden. Sie würden also in Paita ihre Sachen packen und uns – wenn wir Zeit und Lust haben – mit nach Noumea nehmen, um den restlichen Tag dort gemeinsam zu verbringen. Die beiden waren unsere Rettung, denn wir gingen erstmal gemeinsam was Mittagessen, was echt notwendig war, denn der Magen hing uns in den Kniekehlen. Anschließend machten wir halt in einer Pattiserie (Bäckerei) wo uns Alice, die wir eben erst kennen gelernt haben, auf das Dessert einlud, das wir am Strand beim Kartenspielen verdrückten.

Der Tag ging damit deutlich schöner zu Ende, als er begonnen hatte und die absolute Krönung war, dass uns Lucie und Raphael einfach ihren Mietwagen gaben, um zurück nach Dumbea zu fahren, wo wir am kommenden Tag unseren letzten Arbeitstag hatten. Da Feiertag war, hatten nämlich nicht nur die Läden geschlossen, sondern auch der Busverkehr den Betrieb eingestellt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie dankbar wir den beiden waren.

Beim Frühstück am Samstagmorgen war die Stimmung dann auf einmal wieder ausgelassen fröhlich – wir hatten schließlich auch einen harten Arbeitstag vor uns, der erneut deutlich über die 5 Stunden hinaus ging. Tom löste hin und wieder Laurent mit dem Presslufthammer ab, während Sabrina und die anderen Workawayer mit Schaufeln bewaffnet die schweren Fels- und Erdklumpen in die Schubkarre hievten und sie aus der Baustelle schafften. Bereits nach den ersten beiden Stunden meldete sich der Rücken und nach 5 Stunden der restliche Körper, aber es ging unermüdlich weiter. Wir schwiegen erneut, es war schließlich der letzte Tag. Es wurden die ein oder anderen Blicke unter den Workawayern ausgetauscht, als Laurent und der Presslufthammer kein Ende zu finden schienen und als wir alle einen sehr erschöpften Eindruck machten, wurde das Gerät dann auch endlich abgestellt.

Anschließend wollten wir schon mal unsere Wäsche waschen, damit sie am Sonntagabend trocken war und wir sie wieder einpacken können. Wäsche, die wohlgemerkt vor Dreck stand, weil wir eine Woche lang auf eine Baustelle gearbeitet haben. Wir wollen gar nicht zu sehr ins Detail gehen, aber die Reaktion von Bea, der Frau des Hauses, die mit Laurent in Trennung lebt und nur hin und wieder im Haus zu Besuch ist, war einfach nur schnippisch und unverschämt. Die absolute Höhe des Ganzen, erlebten wir allerdings am Sonntag, unserem letzten Tag, an dem wir frei hatten. Wir wollten ein Fiasko wie am letzten freien Tag vermeiden und sprachen mit Laurent über das Essen. Wir erzählten ihm, dass wir noch etwas Nudeln und Reis übrig hätten und fragten, ob es okay wäre, das für das Mittag- und Abendessen beizusteuern und gemeinsam davon zu essen. Er meinte, dass er glücklich wäre, mit uns zu teilen. So haben wir es zumindest verstanden. Wir luden erneut unsere Sim-Karte mit ein paar mobilen Daten auf (das Wlan wurde nicht zur Verfügung gestellt) und buchten alles, was wir für die kommenden 2 Stopps auf dem Pazifik brauchten und als wir gegen Mittag aus dem Zimmer kamen, war zu unserer Verwunderung bereits gekocht. Bea war verwundert uns zu sehen, denn sie dachte, wir seien unterwegs, fragte uns aber dennoch, ob wir mitessen wollen und stellte noch zwei Teller für uns auf den Tisch. Wir dachten uns, dass wir dann einfach die Küche anschließend sauber machen und spülen (was wir die Tage zuvor gemeinsam mit den anderen Workawayern bereits übernommen hatten) und unseren Reis und die Nudeln fürs Abendessen zubereiten. Wir wollten uns gerade setzen, als Laurent dazu kam und uns sofort anraunzte, dass es ja wohl gar nicht gehe, sich jetzt an den Tisch zu setzen, ohne etwas beizusteuern und dass er uns ja wohl morgens deutlich gemacht hatte, dass alles auf Gegenseitigkeit beruht. Völlig perplex entfielen uns jegliche Worte. Tom konnte sich lediglich entschuldigen und mitteilen, dass er es dann wohl falsch verstanden hätte, während Sabrina nur „für mich ist es okay nichts zu essen, denn ich habe keinen Hunger“ herausbrachte und sich ins Zimmer verzog, um nicht am Tisch in Wuttränen auszubrechen.


Nach all den Überstunden und der harten körperlichen Arbeit der vergangenen Tage, nach all dem Küche aufräumen und Abwasch erledigen und sogar spontan Arbeitstage tauschen, was eigentlich nicht Teil der vereinbarten Arbeit war, so eine Reaktion wegen eines Mittagessens? Das ging einfach gar nicht. Sabrina war der Appetit vergangen und sie kam auch gar nicht mehr aus dem Zimmer, während Tom am Tisch ignoriert wurde, indem Laurent mit den anderen grundsätzlich auf Französisch statt wie sonst auf Englisch sprach. Wir hatten wirklich die Schnauze mehr als voll. Als wir beide wieder im Zimmer standen, schrieben wir Lucie und Raphael und die beiden meinten, wir sollen einfach ihr Mietauto nehmen, dass noch vor der Tür stand, und dort abhauen. Die beiden waren mit ihren Bekannten Guillaume und Alice auf einem Tagesausflug und bald auf dem Rückweg. Und erneut erlebten wir in so einer wirklich beschissenen Situation absolute Hilfsbereitschaft, denn Alice und Guillaume boten uns für unsere letzte Nacht auch noch ihre Couch zum Übernachten an. Es ist so unglaublich schön, so großartige Menschen zu treffen und sicherlich einer der Hauptgründe, warum uns das Reisen so viel Spaß macht.


Als wir am kommenden Morgen aufgestanden sind, war Alice schon bei der Arbeit und Guillaume bereits beim Bäcker um für uns alle leckere Croissants zum Frühstück zu holen.

Guillaume musste anschließend ebenfalls los und wir spielten noch eine Runde Karten mit Lucie und Raphael, die uns anschließend an den Flughafen brachten. Der Abschied von unseren Lieblingsfranzosen fiel uns echt schwer und es wäre so schön gewesen noch ein bisschen länger mit ihnen zu reisen. Aber nach 3 Wochen auf der Hauptinsel „Grand Terre“ war es für uns Zeit die kleinen Inseln, türkis-blaues Wasser, weiße Sandstrände und eine Auszeit zu genießen.


Bevor wir euch aber dahin mitnehmen, haben wir im kommenden Blogbeitrag unsere einzigen beiden Ausflüge zum „Rivière Bleu“, dem blauen Fluss und an die Küste nach Bourail für euch zusammengefasst, die wir während 3 Wochen Workaway Aufenthalte hinbekommen haben. Wir sind schon sehr gespannt, ob ihr von der Landschaft genauso fasziniert seid, wie wir.

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